Beispiele für Viele

(Auszüge aus „Das ADS-Buch – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Neue Konzentrations-Hilfen für Zappelphilippe und Träumer“ und aus „ADS. Das Erwachsenen-Buch“,  Oberstebrink Verlag 2005 )

Jule – ADS ohne Hyperaktivität 

Jule (ads_22_b10 Jahre alt) sitzt gedankenversunken im Garten. Die letzten Tage sind mal wieder keine guten Tage gewesen.

Der Dienstagmorgen hatte schon allzu früh begonnen. Mit den Gedanken an die Heimatkundearbeit war sie morgens schon um 5 Uhr aufgewacht und fühlte sich so richtig elend. Obwohl sie fleißig geübt hatte, hatte sie Angst, die Flüsse, Städte und Gebirge, die abgefragt werden würden, nicht richtig hin schreiben zu können. Das war ihr schon öfter passiert. Während der Klassenarbeit hatte sie einfach ein „Brett vor dem Kopf“ gehabt. Erst hinterher war hier alles wieder eingefallen. Deshalb mussten ihr nur immer wieder solche Dinge passieren! Was die anderen zu ihr sagten, war wohl leider wahr: sie war einfach blöd. Mit zittrigen Fingern hatte sie sich noch mal das Heimatkundebuch vorgenommen, aber sie war einfach nicht richtig bei der Sache. Ständig schlichen sich andere Gedanken ein, die mit Flüssen und Städten nichts zu tun hatte.

Als sie dann beim Frühstück nichts essen wollte, ihre Mutter aber darauf bestand, war sie völlig ausgeflippt. Sie hatte ihre Mutter angeschrien und ihren Teller vom Tisch gefegt. Das war ihr Lieblingsteller gewesen, und in ihrem ganzen Elend warf sie ihrer Mutter Dinge an den Kopf, die dieser Tränen in die Augen getrieben. Darauf hinweise aus dem Haus gestürzt und hatte wieder einmal den Turnbeutel vergessen.

Als ihre Mutter dann in der ersten großen Pause in die Schule kam, ihr den Turnbeutel brachte, und auch noch freundlich zu ihr war, hatte sie sich für den Rest des Tages furchtbar gemein und elend gefühlt. Ihre Mutter hat es doch nur gut mit ihr gemeint – und sie war richtig eklig zu ihr gewesen. Sie hatte sich so richtig geschämt und versucht, ihrer Mutter alles recht zu machen. Aber richtig zufrieden war ihre Mutter wieder einmal nicht mit ihr gewesen, denn sie wollte wissen, was in der Heimatkundearbeit alles abgefragt worden war. Aber sie konnte sich an nichts mehr erinnern, und ihre Mutter hatte nur verzweifelt den Kopf geschüttelt.

Am nächsten Morgen war sie wieder eingeschlafen, nachdem ihre Mutter sie geweckt hatte. Natürlich gab es deswegen schon wieder Ärger, und ihre Schwester hatte hinter vorgehaltener Hand hämisch begrenzt. Dann musste sie wieder mal allein den Schulweg gehen. Ihre Klassenkameradin hatte mir unmissverständlich klargemacht, dass sie mit einer trödelliegen, lahmen Jule nichts zu tun haben wollten. Traurig und mit einem Druck im Magen, der jetzt immer öfter kam, trottete sie hinter den anderen her….

„Heute werden die anderen nicht nochmal über mich lachen. Ich werde aufpassen wie ein Luchs und nicht wieder mit den Gedanken abschweifen. Niemand soll mir sagen: Schlaf, Jule schlaf, die Jule ist ein Schaf.“ Doch sie schaffte es wieder nicht, bis zum Schulende ihre Gedanken beisammenzuhalten. In der letzten Stunde, in Mathematik, ging es um Mengen wie „mehr“ oder „weniger“. Bei dem Wort „mehr“ dachte sie an den letzten Urlaub. Sie sah sich langsam unzufrieden am „Meer“ entlang schlendern, sie konnte förmlich den salzigen, frischen Duft der Meeresbrise riechen. Sie fühlte sich an diesem Morgen so angenehm, so froh wie schon lange nicht mehr. Doch dieses wunderbare Gefühl war von nur allzu kurzer Dauer. Ihre Lehrerin riss sie jäh aus den Träumen. Alle anderen lachten schon wieder über sie, weil sie nicht wusste, was zu rechnen war…(Kap 2, S. 26-28)

Max – ADS mit Hyperaktivität

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Max ( 8 Jahre alt) liegt mit knurrendem Magen im Bett und denkt über die letzten Tage nach. Täglich hatte es Ärger gegeben. Oh, wie er es leid war, ständig Ärger zu haben. Jeden Tag aufs Neue hatte er sich vorgenommen, alles richtig zu machen. Aber es schien ihm nicht zu gelingen.

Die Woche hatte schon damit begonnen, dass er am Montagmorgen nicht aus dem Bett gekommen war. Viele Male hatte ihn seine Mutter rufen müssen. Als er sich dann endlich aufgerafft hatte und ins Bad gehen wollte, entdeckte er in seinem Zimmer auf dem Fußboden das Rad des kleinen Traktors, das er die ganze Zeit gesucht hatte. Sofort hatte er nach dem Traktor gekramt und das Rad wieder montiert. Als er gerade testen wollte, ob der Traktor wieder fuhr, kam seine Mutter wutschnaubend ins Zimmer und warf ihm vor, er würde spielen anstatt sich anzuziehen. Dabei hatte er doch nur den Traktor repariert.

Im Bad wusch er sich dann husch, husch. Trotzdem kam er viel zu spät zum Frühstück. Weil er nicht pünktlich war, hatte sein Bruder bereits mit dem Essen angefangen. Ausgerechnet die Wurst, die er hatte essen wollen, hatte sein Bruder schon gefuttert. Das sah ihm ähnlich: jede Gelegenheit nutzte der, um ihn zu ärgern. Voller Wut hatte er seinen Bruder die Butter hingeschleudert, als der sich noch ein Brot schmieren wollte. Dabei hatte sein Ärmel die Butter gestreift und er musste nach oben sich umziehen. Er hatte nach einem Pullover gegrapscht, sich den übergezogen, den Ranzen geschnappt und war aus dem Haus gerannt. Er hatte seine Mutter in ihm her gebrüllt: „oh nein, dieser Pullover zu der Hose! Und dann noch auf links! Du siehst unmöglich aus!“ An diesen ganzen Mist war sein Bruder schuld gewesen. „Wie kam dieser Idiot eigentlich dazu, seine Wurst zu essen?“ Das hatte ihn so richtig geärgert. In seinem ganzen Körper schien ein Gewitter zu toben.

Und als dann am Bus der blöde Karl und dennoch blödere Dominic immer wieder riefen: “der hat ja seinen Pullover verkehrt rum an, der ist ja zu doof sich anzuziehen“ und sie nicht damit aufhörten, obwohl er ihnen schon dreimal Prügel angedroht hatte, war er auf sie losgegangen….

Ärger in der Schule gab es täglich. Ständig ermahnte ihn seine Lehrerin: „Max, pass  endlich au! Wie oft soll ich dir noch sagen: Kippel nicht mit dem Stuhl! Du sollst nicht in die Klasse ein rufen! Du sollst nicht erst melden und warten bis du dran bist, wie die anderen auch!

Dieses ständige Genörgel ist oberschrecklich. Die einzige Ausnahme unter den Lehrern war bisher seine Kunstlehrerin gewesen, doch auf die konnte er sich jetzt nicht mehr verlassen, denn im Kunstunterricht am Mittwoch hatte er seinen Zeichenblock vergessen. Er konnte seine Zeichnung von der Burg nicht vorlegen. Unterlegte seine Lehrerin so richtig los: „immer habe ich dir vertraut. Aber mich so frech anzulügen und mir weiß machen zu wollen du hättest die Burg wirklich gezeichnet! Nichts werde ich dir mehr glauben…

Keiner wollte ihm glauben, niemand schien ihn zu mögen. Dabei hatte er doch den ganzen Nachmittag wirklich damit verbracht, die Burg zu zeichnen. Und sie war doch tatsächlich ausnahmsweise mal gut geworden….(Kap 2, S. 23-25)

 

ADS wird erwachsen

foto-katrinKatrin, 43 J. alt
8:30 h
„ich will das Badezimmer putzen und nehme mir als erstes den Spiegel vor. Dabei sehe ich, dass ein Regal über der Waschmaschine total verstaubt ist. Ich lasse Spiegel Spiegel sein und gehe erstmal zum Regal. Dabei merke ich, dass ich die Wäsche von gestern noch nicht aus der Maschine rausgenommen habe. Sie ist völlig verkrumpelt. Also nochmal alles von vorn.“

9:00 h
„Das Telefon klingelt. Mein Chef ist am Apparat. Ich habe den Vertrag von Herrn M. Irgendwo im Computer gespeichert, wo ihn keiner finden kann. Er soll aber jetzt ausgedruckt werden, weil Herr M. den Vertrag jetzt unterschreiben will. Der Chef tobt. Deshalb muss ich schnell zur Kanzlei. Also ab ins Auto und hin zu meinem Chef (2Km). Computer an. Dokument suchen. Wann war das denn noch mal? Wohin habe ich gespeichert? Endlich gefunden, Ausdruck. Ab ins Auto und nachhause.“

10:00 h
„die Wäsche ist zum zweiten Mal ein fester Klumpen. Egal. Jetzt wird sie aufgehängt, auch wenn dann das Bügeln am nächsten Tag dreimal so lange dauert. Jetzt wieder zurück ins Badezimmer. Halt, auf dem Weg ins Badezimmer fällt mein Blick auf das Notizzettelbrett. Der hängen lauter Zettel mit der Aufschrift  „wichtig, nicht vergessen!“ Heute ist der letzte Tag für die Rückgabe der Bücher in der Bücherei. Also nochmal schnell alles zusammengesucht. Leider fehlt mir aber die Liste der ausgeliehenen Bücher.“ Und genau in diesem Stil verläuft auch der restliche Tag…